Unsere Lieblingsbücher

Abbys Traum

 

Bildquelle: Mixtvision
Abbys Traum
von Laurel Snyder
mit Bidern von Kaleidoscube
übersetzt von Cordula Setsman
40 Seiten
1. Aufl. 20. Juli 2022
ISBN 978-3-95854-174-0
Mixtvision
17,00€

Ein sehr emotionales, intensives 
modernes Märchen über die 
Kraft der Gedanken
über den Wert von Freiheit 
des eigenen und im eigenen Leben
mit Illustrationen, die verzaubern
- ein spannendes Projekt -
zum Game 
" A Jugglers's Tale"
für Kinder an 6-7 Jahren

Ich habe hier bewusst einmal zwei Filme gemacht um euch die Bandbreite der Geschichte, insbesondere der Illustrationen besser zeigen zu können.
Der linke Film zeigt eine Geschichten-Strecke mit positiveren Illustrationen, der rechte Film die dusteren, aufregenden, vielleicht auch etwas aufwühlenden Bilder.

Worum geht es in der Geschichte?
Eine Marionette, die die Freiheit sucht, es schafft zu fliehen und mit der Freiheit erst einmal auch Schwierigkeiten hat. Sich von den Schnüren zu befreien und dem Lenker die Macht zu nehmen ist schwer für sie, denn er nimmt natürlich die Verfolgung auf.
Kurz gesagt geht es um persönliche Freiheit, um die unsichtbare Hand, die unser Leben lenkt und uns zuweilen so fest im Griff hat, dass wir wirklich eine Marionette sind. Eine Marionette von Menschen, die manipulieren, uns unter Druck setzen, Leistung erwarten, aber eben auch eine Marionette unserer eigenen Gedanken, Vorstellungen und Erwartungshaltungen.
Jeder wird für sich etwas aus der Geschichte ziehen. Jeder wird sich in irgendeiner Weise dort wiederfinden und jeder wird die Geschichte etwas anders wahrnehmen.

Und genau deshalb ist es für mich schwer sie euch vorzustellen.

Es ist eine Geschichte für Kinder ab 5 Jahren, so stuft es der Verlag ein und es mag wirklich sein, dass das ein oder andere Kind in dem Alter gibt, das fasziniert von dem Buch ist und auch die Botschaft versteht, dennoch würde ich hier schon auf Grund der intensiven Bildsprache ehr sagen, dass es ein Buch für Kinder im Grundschulalter (nach oben unbegrenzt) ist oder auch ein Buch für Erwachsene (und das ganz unabhängig von dem zu Grunde liegenden Game).
Es ist auf jeden Fall auch ein fantastisches Buch für den Einsatz im Philosophie-Kurs.

Ich glaube, das ist die schwierigste Buchvorstellung, die ich je geschrieben habe bzw. versucht habe zu schreiben. Mir fehlen die Worte zu beschreiben, was euch in und mit diesem Buch erwartet. 
Als ich das Buch das erste Mal gelesen habe, als ich das erste Mal auf die Reise durch das Buch startete kannte ich die Geschichte zu diesem Buch nur ansatzweise, konnte nicht viel mit dem, was mir zugetragen wurde anfangen. Ich bin nicht im Bereich Gameing unterwegs und auch meine Kinder hatten noch keine Berührung mit dem Spiel 
" A Jugglers's Tale".
So erwartete mich ein Bilderbuch mit einer intensiven Bildsprache, dessen Cover mich mit dem Bild einer springenden Marionette neugierig machte. Ich hatte keine Ahnung, was mich beim Öffnen des Buches erwarten würde, und dennoch spukte der ein oder andere Gedanke in meinem Kopf. Direkt nach dem Öffnen empfing mich eine faszinierende nächtliche Landschaft. Poetisch, melancholisch. Und auch wenn die Zeichnung eine besondere Faszination ausübte, konnte ich, anders als bei anderen Büchern, immer noch nicht klar erkennen, was dieses Bild mir sagen wollte. 
Ein Kind, das in den nächtlichen Himmel zum Mond hinaufschaut. 
War es schön und melancholisch? oder war es, doch ehr kalt, traurig? Irgendwie beides.
Als die eigentliche Geschichte dann begann habe ich mich als Zuschauerin in einem Marionettentheater gefühlt. 
Ich sah mich, wie schon so oft in meinem Leben im Theater sitzen und auf die Bühne blicken.
Ich liebe das Figurentheater.
Wie wird das Stück wohl weiter gehen, meine Neugier war geweckt meine innere Haltung mit dem unklaren Gefühl wich der Neugierde auf das Stück. Es war fast so als hätte ich vergessen, dass ich in ein Buch schaue. Das Bühnenbild, die etwas verloren wirkende Marionette auf der Bühne alles war so, wie man es vom Theater her kennt.
Und in der Tat, das Theater beginnt. Eine Zirkusvorstellung bei der das an den Fäden mit Bällen jonglierende Mädchen Spaß bei ihrer Darbietung zu haben scheint. Auf sie zu kommt ein Bär mit weit geöffnetem Maul. Auch er ist eine Marionette und zusätzlich ist eines seiner Hinterbeine noch mit einem Seil an einem Baumstupf gebunden. 
Der Zirkusdirektor und auch die drum herumstehenden Menschen sind ebenfalls an Fäden, die gen Himmel gehen. 
Sind sie alle Marionetten? Fragt mich ein Junge von 6 Jahren beim Betrachten der Bilder und da fällt mir auf, dass auch das Publikum und der Zirkusdirektor an Fäden hängen. Ja, gewisse, die Fäden sieht man, dich irgendwie verschwimmen due Zugehörigkeiten. Dass die Fäden da nicht einfach so hängen, sondern an den Enden Menschen sind, dass realisiert man nicht immer auf den ersten Blick.
Die erzählende Geschichte greift den Eindruck des Betrachters auf und füllt ihn mit einer Mischung aus Poesie und feststellender, kommentierender Begleitung. Auf den ersten Blick könnte es ein fröhliches Bild sein, doch auch hier ist etwas im Bild, das eine andere Stimmung wahrnehmen lässt, ähnlich dem ersten Bild mit nächtlicher Stimmung. 
Und genau dieses Gefühl, da stimmt was nicht, das ist nicht schön, das ist nicht fröhlich bewahrheitet sich beim Umblättern.
Alles ist so trostlos und düster. Abby, das kleine Mädchen, das gerade noch wild jonglierend einen Ball höher als den anderen, mit Begeisterung in die Luft wirbelte und kurz darauf sicher wieder auffing steht in einem Käfig. Gefangen. Ein großes Vorhangschloss, das fast schon größer wirkt als das Mädchen, lässt bewusstwerden, sie ist wirklich gefangen. in einiger Entfernung ist ein weiterer Käfig in dem der große, mächtige Bär eingesperrt ist. Nur zwei kleine Laternenlichter geben etwas Licht. 
Eine bedrückende Situation, in der die erzählende Geschichte wieder unterstützt, was wir bereits dachte, doch sie erzählt noch etwas mehr. Etwas Warmes, Tröstendes.  Abby fragt Urs, den Bären ob sie ihm etwas vorsingen soll und dann heißt es da: "Träum schön, mein Freund."
Dieser Funken Wärme, Fürsorge und Menschlichkeit tut der Leserseele gut und macht Hoffnung, dass doch noch alles gut wird.
Und dann eines Tages gelingt es Abby den Schlüssel für die Vorhängeschlösser zu entwenden. Sie klettert aus dem Käfig und befreit Urs den Bären. 
Sie sind frei!
Doch sind sie wirklich frei? Gelingt ihnen die Flucht? Will Urs überhaupt mit? Jack der Puppenspieler und der Zirkusdirektor schaffen es Urs einzufangen. Abby sehen wir kurz darauf auf einem blühenden Kornfeld die Freiheit genießen. 
Mit allen Sinnen. Doch die Fäden sind noch sichtbar. In der Ferne ruft der Puppenspieler, doch Abby hört ihn nicht. Sie ist so mit dem Genießen ihrer Freiheit, den vielen Eindrücken beschäftigt, dass sie ihn nicht hört. Abby ist auf der Flucht, an Fäden und trotzdem schafft sie es die Welt zu entdecken. Aber immer wieder ist da der Schatten, der Beobachter, der Verfolger, von dem wir zuweilen den Eindruck haben, als nehme Abby ihn nicht wahr und dann wieder beschleicht einen das Gefühl, dass sie sich bewusst ist das da noch jemand ist. Ist es ihr vielleicht sogar recht?
Es kommen befremdliche, seltsame, aufregende und dann wieder ruhige, verträumte Momente auf den Leser oder besser gesagt den Betrachter der Bild, zu. Irgendwann wird Abby klar, frei ist sie nicht. Solange sie an den Fäden hängt, ist sie nicht frei. Richtig frei ist sie erst wenn sie sich ohne die Fäden bewegen kann. 
Ob es ihr gelingen wird?
Und was ist mit Urs?
Das Bild, mit dem sich das Buch von uns verabschiedet gibt, die Antwort und dieses Mal ist da beim Betrachten nur ein einziges, warmes Gefühl, ohne ein undefinierbares Beigefühl. Und so verlassen wir die Geschichte mit einem Lächeln und einem warmen, hoffnungsvollen Gefühl von "jetzt ist alles gut, jetzt beginnt das Leben."
Die Sehnsucht von Freiheit ist zur realen Freiheit geworden.
Und wir Leser, was ist mit uns Lesern und Betrachtern, mit uns Beobachtern? Sind wir nicht auch an Fäden gefesselt geworden beim Eintreten in die Geschichte? Haben Laurel Snyder und Kaleidscube uns Fäden verpasst? Haben sie uns durch die Geschichte gelenkt, ohne dass wir es wirklich bemerkt haben, oder es uns gestört hätte? Waren wir vielleicht sogar froh geführt zu werden? Sind die Fäden nicht auch so etwas wie Sicherheit und nicht nur ein Symbol des Gefangenseins?

Fragen über Fragen, die aufkommen und deutlich machen, wie sehr uns eine Geschichte, die Geschichte, beschäftigt.

Es ist ein Buch, das einem nicht aus dem Kopf geht. 
Es ist eine Geschichte, die uns nachdenklich stimmt,
die über uns selbst nachdenken lässt.
Es ist aber auch eine Geschichte die Mut macht. 
Mut Fäden zu kappen und frei und unabhängig das zu tun, was einem gut tut und nicht vermeidliche Erwartungen anderer erfüllen zu müssen oder gar von anderen lenken zu lassen.

Ihr seht, die Geschichte hat es wirklich in sich.
Doch ob das bei Kindern so ankommt?
Die Erfahrungen bei Vorlesestunden in Grundschulen zeigte, dass die Kinder erst einmal fasziniert von den Bildern waren, sich im zweiten Schritt aber ganz viele Gedanken dazu machten.
Die Bildsprache ist hier sehr intensiv. Kinder im Grundschulalter sehen das Eintauchen in die Bilderwelt als Abenteuer, das zuweilen Mut erfordert. Sie sind aufgeregt, emotional in vielfältiger Weise eingebunden und auch mal etwas ängstlich. Angst vor Aufregung sagte ein Junge.
Kinder im Kindergartenalter 4-5 hingegen wollten die Bilder oft nicht sehen. Sind aufgestanden und haben sich anderen Dingen zugewandt.
Und auch wenn es ein Klischee bedient, die Jungen unter den Grundschulkindern fanden die Geschichte cool, wohingegen die Mädchen sie ehr als bedrückend, traurig beschrieben, auch wenn sie hoffnungsvoll endet.
Die Jungen wollten die Geschichte noch einmal selbst lesen. Die Mädchen nicht.
Spannend ist die Hintergrundgeschichte zu diesem außergewöhnlichen Bilderbuch, dessen Illustrationen zuweilen, wie aus einem Film abfotografiert wirken und in der Tat, ist es auch so ähnlich denn lange bevor es das Buch gab, gab es das Computerspiel "A Jugglers Tale" von kaleidoscube, einem jungen Stuttgarter Game Studio, dass von der Filmakademie Baden-Württemberg unterstützt, wurde. Gleich mit ihrem ersten Projekt haben sie einen unglaublichen Erfolg geschaffen.
Beim Spiel geht es darum Abby, der Protagonistin zu helfen ihre Freiheit zu finden, zu bekommen. Man muss Verfolger abhängen, Abby so lenken, dass die Verfolger es schwer haben sie wieder einzufangen, man muss Rätsel lösen etc. So dass es Abby am Ende gelingt sich von ihren Fesseln zu lösen und selbst Kontrolle über ihr Leben zu haben

Hier zeige ich euch den faszinierenden Trailer zum Spiel. Der Erzähler strahlt mit seiner Stimme so eine Begeisterung, Wärme und Faszination aus, die einfach mitreißend ist und die Geschichte noch mal in ein anders Licht rückt. Wenn man nur das Buch kennt, und betrachtet wird man sich leider der Dynamik, der Hoffnung, des Potentials der Geschichte nicht ganz bewusst.  Was wiederum zeigt, dass das Buch ehr für ältere Kinder Jugendliche und Erwachsene ist.


Den Verlag hat das "Artwork" so begeistert, dass die Idee aufkam aus der Game Story ein Bilderbuch zu machen und dabei einen etwas anderen Weg der Illustration zu wählen. Mit Hilfe eines Illustrators wurden Screenshots aus dem Spiel in Illustrationen verwandelt. In Kombination mit der erzählenden Geschichte aus der Feder von Laurel Snyder, deren Geschichte "Insel der Waisen" vielleicht einige kennen ist so dieses Bilderbuch entstanden, das in keine Schublade passt und auf dem Bilderbuchmarkt seine ganz eigenen Platz finden wird.

Es ist so schön, dass das Bilderbuch-Format immer mehr aus dem Kinderbuchbereich rückt. Ich hoffe sehr, dass sich irgendwann kein Erwachsener mehr beim Bilderbuchlesen versteckt. 
Bilderbücher sind nicht nur für Kinder!!